Der Tag an dem ilango Geburtstag hatte
Es begann wie viele andere Tage auch. Ilango war am Vorabend früh ins Bett gegangen, nach diesem herrlichen Sommertag, der dem 27. Mai voranging. Nun also richtete sich ilango auf, um in diesen herrlichen Geburtstag zu starten. Obwohl er schon sehr gespannt war, welche Überraschungen ihm seine Freunde und Kollegen wohl zu seinem Geburtstag vorbereitet hatten, nahm er sich die Zeit, erst einmal ausführlich seine Morgengynastik vor dem geöffneten Fenster durchzuführen, so wie er es jeden Morgen tat.
Ilango war im Herzen ein Sportler, das wussten auch die Kollegen, die ihn wegen seines athletischen Aussehens auch ein wenig mobbten. Doch mit seiner charmanten Art konnte ilango diese Neidgefühle seiner optisch benachteiligten Kollegen hin zu einer Art von Bewunderung wenden. Alles in allem, war er ein sehr geschätzter Kollege und auch sein Boss war ständig versucht, ilango mit neuen Bonuszahlungen und Gehaltserhöhungen zu hofieren. Mit dieser Selbstsicherheit ausgestattet, zog sich ilango also sein Geburtstagsoutfit an, daß ihm seine Lieblingsboutique am Vorabend per Boten als Geschenk bringen liess. Er sah wieder einmal super aus – das konnte man den Blicken der Nachbarn entnehmen, als er das Haus verliess – heute ohne Frühstück, denn die Geburtstagstorte wartete ja bestimmt schon im Büro.
Was für eine Überraschung, als ihm in der U-Bahn eine Gruppe von tibetischen Mönchen begegnete, die ihm eine Schale mit Blütenwasser schenkten, als Zeichen für die Verbindung der Elemente mit der kosmischen Energie dieses Tages. Ilango war eigentlich nicht so ein spiritueller Typ, und es war ihm sichtlich unangenehm, so von den Mönchen umringt zu sein. Die anderen Fahrgäste starrten eindringlich auf ilango und die Gruppe. Zum Glück platzte die Ansage der U-Bahn in das Geschehen: “Nächster Halt Stadtmitte. Next stop city center” – Das Englisch der U-Bahn-Fahrer brachte ilango zum Schmunzeln. Er tupfte seinen Schal mit einer Ecke in die Schalte mit dem Blütenwasser und verliess die U-Bahn.
Einer Frau die auf der Bank auf dem Bahnsteig Platz genommen hatte und sich mit angelehnten Krücken von den Stapazen des Fußwegs erholt hatte, tröpfelte ilango etwas von dem Blütenwasser auf die Hände, und siehe da – Die alte Frau war erfrischt und Stand auf. Eigentlich sprang sie eher auf. Es schien als wenn ihr Haar immer voller würde, und die Haut frischer und die Augen glänzender. Es war die Jugend, die ilango zurückgebracht hatte.
Jetzt erkannte er auch die höhere Bedeutung des Zusammentreffens mit den Mönchen. Während er ganz benommen war von den unglaublichen Vorkommnissen, hatte sich die alte Dame inzwischen in einer vollständigen Morphose zu einer bildschönen jungen Frau verwandelt. Die Krücken und die sandfarbene Bluse und auch die restlichen Kleidungsstücke, die zu der alten Dame gehörten, waren vom Fahrtwind der einfahrenden U-Bahn abgefallen und wirbelten leicht auf dem Bahnsteig umher.
So stand sie nun vor ihm. Wie ein göttliches Wesen mit blendender Schönheit. Strahlend mit Ihrer ganzen Schönheit, bildete Sie einen unglaublichen Kontrast zu dem dunklen, dreckigen Asphalt und der Kälte und dem Gestank des Bahnhofs. ilango zögerte nicht lange und warf ihr seinen Schal um, damit sie sich bedecken konnte, und zerrte sie aus dem Bahnhof in das wärmende Licht der Sonne.
Ilango blickte dankbar gen Himmel. An diesem Tag hatte das Universum ihm das größte Geschenk beschert. Er hatte seine ewige Liebe gefunden. Der innige Kuss der ilango und die schöne Fremde verbanden, wurde jäh gestört, als eine kratzige Männerstimme mit rüdem Dialekt schrie: “Man, bist Du bekloppt oder was! Die Kameras laufen – verpisst Dich aus der Szene”. Es war Tom Tykwer, der Regisseur, der sichtbar sauer in Richtung ilango schrie.
Ilango war wohl irgentwie in die Dreharbeiten für den neuen Film geraten. “So ein Scheiss”, dachte ilango und überlegte sich auf dem verbleibenden Fußweg ins Büro, daß er den Kollegen wohl lieber nichts von dieser Begegnung erzählen würde. “Hauptsache die haben Kuchen besorgt” – das war ilangos Sorge. Nach dem Schock konnte er ruhig etwas Zucker gebrauchen – Er hatte ja schliesslich auch noch nicht gefrühstückt.
Er öffnete also zaghaft die Tür zum Büro, wo ihn seine Kollegen freudig erwarteten. Seine Kollegin, die gleich den Schreibtisch rechts neben ihm hatte, bat ilango mit in den Besprechungsraum zu kommen. Und dort stand Sie. Eine riesige Torte, die mit einem Motiv aus Zuckergruß verziert war. Ilango wurde es ganz trocken im Mund und er fühlte sich etwas schwindlig. Wie konnte das sein?
Auf der Torte war die Schönheit von der U-Bahnstation zu sehen und über Ihr ein Kreis von Mönchen, die Blütenwasser auf das Haar der Schönheit tröpfelten. Sollte es doch seine große Liebe sein und kein kosmischer Irrtum?
Bisher begann die Epoche, in der der Mensch für globale Veränderungen der Umwelt verantwortlich ist, für die Forscher um 1800. Doch nach neuesten Erkenntnissen muss man diese Einwirkungen wohl schon viel früher ansetzen.
Jaja, wir Menschen lieben Andenken und Mitbringsel, besonders, wenn es sich um eine Art „historisches Stück“ handelt. Wie viele echte und unechte Brocken der Berliner Mauer sind wohl im Umlauf? 